"The Distinguished Citizen", Eröffnungsfilm des 10. LICHTER Filmfest Frankfurt International (c) Latido Films
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Zusammen mit dem gut beleibten Fahrer, der Daniel Mantovani vom Flughafen nach Salas, in seinen Heimatort bringen soll, sitzt der Schriftsteller an einem kleinen, selbstgemachten Feuer mitten in der Pampa Argentiniens. Das Auto kann nicht weiterfahren, denn einen Ersatzreifen gibt es nicht. Mantovani, das Zentrum der Geschichte, die das Regie-Duo Gastón Duprat und Mariano Cohn erzählt, ist zum berühmtesten Bürger Salas’ geworden. Er gewann den Literaturnobelpreis und lebt einsam, aber beruflich erfolgreich in Europa. Hier, in der Wildnis am Lagerfeuer, erzählt er nun eine Geschichte über zwei Brüder, die beide die gleiche Prostituierte lieben, und ein Bruder am Ende den anderen tötet. Genau wie in den literarischen Werken Mantovanis, die auf den Erlebnissen und Eindrücken seiner ersten 20 Lebensjahre in Salas beruhen, ist auch bei dieser Geschichte lange nicht eindeutig, wie stark Mantovani seine eigene Vergangenheit in seinen Erzählungen verarbeitet. In Europa lebt Mantovani in einem großen Haus und lehnt seit Jahren die Teilnahme an allen Interviews und Events ab. Nur die Einladung in seinen Heimatort, er soll dort zum Ehrenbürger ernannt werden, lässt ihn eine Ausnahme machen, und er reist für vier Tage nach Argentinien. Dort trifft er auf die Welt, vor der er geflohen ist und muss zuerst viele Feierlichkeiten über sich ergehen lassen, bis er schließlich auch mit den Menschen in Kontakt gerät, mit denen ihn eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.

THE DISTINGUISHED CITIZEN erzählt seine Geschichte auf eine sehr konventionelle Weise und mit einigen Klischeefiguren, doch das fällt nicht störend auf, sondern stärkt den Film, weil er sich komplett auf eine Geschichte verlassen kann, die stilistische Experimente nicht benötigt um ihre Wirkung zu entfalten. Daniel Mantovanis Reise in die Heimat und zu sich selbst ist unabhängig von Ort und Zeit, auch ihre skurrilen, urigen und lebensnahen Figuren haben etwas universal Menschliches. So bietet der Film auch einen hohen Unterhaltungswert mit leichtem, aber wirkungsvollem Humor. Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Filmen schafft THE DISTINGUISHED CITIZEN es auch das Thema Wahrheit intensiv, aufklärerisch und dabei ohne moralischen Zeigefinger zu behandeln. THE DISTINGUISHED CITIZEN bietet schöne Landschaftsaufnahmen Argentiniens, starke, wenig subtile Musik und ein grandioses Ende.

von Tom Luca Adams

Eröffnungsfilm des 10. LICHTER Filmfest Frankfurt International am 28.03.2017
Wiederholung: 01. April 2017 um 20:00 Uhr in der Caligari Film-Bühne, Wiesbaden.