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Fünf Minuten Film und man möchte schon jemanden backpfeifen. Nein, natürlich nicht die Macher, sondern David, den Bruder des Müßiggängers Matthi. Erzkonservativ schwadroniert David über den ungepflegten Rasen des französischen Ferienhauses der Eltern, in dem es sich sein bräsiger Bruder und dessen Freundin Camille gut gehen lassen. Mit im Gepäck hat David auch seine zunächst so gar nicht emanzipierte Ehefrau Lena. Zwei Paare, zwei Lebensphilosophien, ein Pool und ein Holzschwert genügen für Tom Sommerlattes tragikomische Urlaubsgeschichte.

Das Wasser im Swimmingpool plätschert ruhig vor sich hin. Matthias „Matthi“ Landberg (Sebastian Fräsdorf), der sehr relaxte Lebemann mit Palmenmuster-Shirts, zieht seinen Stiefsohn gerade samt Schwimmstütze durch das kühle Nass: Hektik ist eben nicht seins. Seine aufreizende und lebensbejahende Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) sieht sich das zunächst aus der Ferne an, um ihren Sohn anschließend ordentlich durch den Pool zu scheuchen: Laissez-faire ist eben nicht ihrs. Unterbrochen werden beide nur vom Motorengeräusch des sich im Anflug befindlichen Bruders David (Godehard Giese). Dieser Traum eines jeden Bankiervaters überrascht mit seiner Frau Lena die beiden eine Woche zu früh. Bei Ankunft des anstrengenden Musterpärchens setzt der bislang lethargische Matthi nicht zum letzten Mal einen Blick auf, bei dem anfängliches Unverständnis schnell in erschöpfte Genervtheit umschlägt. Bemerkenswert kreiert Sebastian Fräsdorf dabei seine eigene Gesichts-Signatur, die irgendwo zwischen Johnny Knoxville und Jack Nicholson rangiert.

Matthis Bruder David ist strenger Karrierist, Banker, Segler und legt sich gerne mal ein fesches Schälchen um den Hals. Seine bis dato treue Frau Lena (wundervoll: Karin Hanczewski) trägt das Haar gerne glatt und ordentlich. Alles in allem also eine Konstellation, die genügend Potential für einen unentspannten Urlaub birgt. Egal ob Schulden, Liebschaften oder Kinder – jeder pflegt hier sein ganz persönliches Geheimnis. Das Familienbild im Wohnzimmer macht zudem überdeutlich klar, welcher der beiden Söhne hier mehr Gunst erntete.

Doch so wenig versöhnlich die Lebensentwürfe der beiden Paare auf den ersten Blick wirken, nähern sich die vier ungleichen Figuren schrittweise einander an. Als ließe man an vier verschiedenen Stellen ein kleines Steinchen in den Pool fallen, dessen Wellen sich immer weiter ausbreiten, berühren sich diese schließlich alle gegenseitig. Man merkt, dass die beiden Brüder eine Grundempathie füreinander bewahrt haben. Es entsteht der Versuch einer Annäherung, der Faszination am menschlichen Gegensatz sei Dank! Aus dem Kampf der Kulturen wird ganz sachte eine sensible Charakterstudie über Macht und Gunst, Vertrauen und Vergeben, an deren Ende jede*r irgendwie als Gewinner*in herausgeht oder sich zumindest verändert hat.

Sehr angenehm, dass sich der Film nie in seinen natürlich überzeichneten Figuren verliert. Er weiß Tragik und Komödie sehr gut zu dosieren. Eine Eigenschaft, mit der er sich deutlich von anderen Versuchen deutschen Humors positiv abhebt. IM SOMMER WOHNT ER UNTEN ist ein feinsinniges Kammerspiel mit wenigen konstruiert wirkenden Szenen, nicht wenigen brillant komischen Momenten, viel Gefühl, aber nicht viel Duselei. Man darf ruhig neidisch sein, wenn man von den Dreharbeiten an der französischen Atlantikküste hört, wie sie Produzentin Iris Sommerlatte, Sebastian Fräsdorf und Karin Hanczewski im Publikumsgespräch nach der Vorführung beim Lichter Filmfest beschrieben. Im Urlaub hat man eben oft mehr Muse. Und weil sich Gegensätze nicht nur an-, sondern auch ausziehen, bleibt als Andenken nicht nur ein Joint (der nun endlich geraucht werden kann), sondern auch ein schwarzes Bikini-Oberteil auf der Terrasse. Aber nur bis zum nächstem Jahr.

Martin Henkelmann

 

Zu sehen beim 9. Lichter Filmfest Frankfurt International im regionalen Langfilmwettbewerb.