Wolk
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Eine große Nostalgie greift heutzutage um sich. So ziemlich jedes Jahrzehnt der letzten hundert Jahre erlebt Revivals noch und nöcher und sehnsüchtige Blicke auf eine vergangene, einfachere Welt manifestieren sich nicht nur in erstarkendem Nationalismus, sondern auch in vielen kleinen und großen Dingen der Kultur und Politik. In „Visionen“, so der 2017 verstorbene Soziologe Zygmunt Baumann in seinem letzten Buch Retrotopia, die sich aus „der verlorenen, geraubten, verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit“ speisen und zwangsläufig eine verklärende Romantisierung erfahren. Solch eine Romantisierung erlebt die traditionelle Landwirtschaft ständig. In etwa Terrence Malicks neuestem Film Ein verborgenes Leben geschieht das mustergültig: eine Dorfgemeinschaft, die mit Sensen über die Felder zieht, Heuballen auf saftigen Wiesen, das Wühlen in der Erde, das die Ernte zum Vorschein bringt. Alles vor wunderschöner Bergkulisse und in Szene gesetzten Sonnenauf- und untergängen. Es geht ein dunkle Wolk herein von Oliver Wörner zeigt, was Landwirtschaft auch sein kann: strunzlangweilig.

Der Regisseur, der bisher vor allem als Kameramann agiert, hat eine Faszination für Familie Hübner entwickelt, sie auf ihrem Hof im Odenwald zwei Jahre lang begleitet und dabei viele alltägliche oder alljährliche Arbeiten gefilmt. Produktion und Schnitt hat der Filmemacher und emeritierte Filmprofessor Helmut Herbst mit der Hilfe von Studierenden übernommen. Familie Hübner ist zu dritt: Vater, Mutter und Sohn. Eine Vorstellung gibt es nicht, wir sind gleich auf den Hübnerhof geworfen und schauen bei der Arbeit zu. Der Hof selbst hat sich der Industrialisierung der Landwirtschaft größtenteils entzogen und hätte so ähnlich auch vor einem halben Jahrhundert und mehr aussehen können.

Es schwingt ein gewisser Exotismus mit in der Art, wie, oder viel mehr, dass uns die Hübners präsentiert werden. Das mutet merkwürdig an, war diese Art von Hof doch einmal das Normalste von der Welt. Aber je weniger solcher Höfe es in Zukunft gibt, desto interessanter wird der Film sicherlich als Zeitkapsel. Sicher, das ist keine entfremdete Arbeit hier: die Hübners sehen den Ertrag ihrer harten, körperlichen Arbeit und verwenden manches davon auch selbst. Die Natur ist noch zu sehen und der Sonnenuntergang und die Jahreszeiten haben noch Macht über das Leben. Aber davon, das grundsätzlich toll zu finden, ist der Film weit entfernt.

Die Bilder von der Kartoffelernte, des Löchergrabens, des Schubkarrenschiebens, des Pflügens und Apfelsaftpressens werden ausgekostet und ziehen sich, wie die Arbeit selbst das nun einmal auch tut. Wenn das unter Entschleunigung zu verstehen ist, lernt man auch einmal die Hektik zu schätzen. Der Filmprozess selbst ist immer wieder zu sehen und die Gefilmten sprechen in die Kamera („Nimmst du jetzt auch Ton auf?“). So ist der Film weniger eine Dokumentation über als viel mehr mit den Hübners, die Anekdoten erzählen und kommentieren, dass sie zu den letzten ihrer Art gehören. Oder auch einfach planen, wie viele Eimer mit Äpfeln sie noch brauchen oder ihren Kühen gut zureden. Eine Erzählstimme gibt es nicht, in den meisten Fällen ist die Kamera stiller, aber stilsicherer Beobachter, die Inszenierung findet zu großen Teilen im Schnitt statt. Am eindrücklichsten bleibt eine Szene, in der ein einzelnes Schwein geschlachtet wird und die Montage daraus einen mit sakraler Musik hinterlegten Zeitlupenmoment macht. Hier gilt wie im restlichen Film: dafür, was man daraus macht, muss man selbst Sorge tragen.

In dem titelgebenden und auch im Film vorgetragenen Lied heißt es zum Schluss: „Es geht ein dunkle Wolk herein. / Es soll und muss geschieden sein. / Ade Feinslieb, dein Scheiden / macht mir das Herze schwer.“ Der Film macht sich eine melancholische Perspektive auf dem Umstand zu eigen, dass diese Art von Hof zunehmend verloren geht, geraubt wird, verwaist, jedenfalls im Verschwinden begriffen ist und die Landwirtschaft vollständig industrialisiert wird. Selten sieht man eine so unabhängig wirkende Gruppe Menschen wie die Hübners. Umso begrüßenswerter ist es, ihren Alltag nicht zu verklärt zu sehen.