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Schön Quality Time mit Mama unter einer Kuscheldecke oder Katerfrühstück im Bett – Was passt jetzt perfekt?  Genau, ein chick flick! Am besten à la weiße Mittelschichtsmutti bricht aus ihrem faden Alltag aus und macht so ausgeflippte Sachen, die sonst nur für junge Leute sind, wie über die Wiese kugeln oder reisen oder so, und dann findet sie auf rührende Weise zu sich selbst zurück. Man wird gewogen in diesem warmen  It’s all going to be ok-Gefühl.

Wenn du insgeheim Fan der Hollywood-Emanzipationsschmonzette bist, deiner Leidenschaft aber nicht folgen kannst, weil du eigentlich zu cool dafür bist, dann findest du in  MY HAPPY FAMILY mit Sicherheit einen zufriedenstellenden Kompromiss. A) Verarbeitet der Film das Thema der Position der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft (Anspruch, geil!) und B) ist er aus Georgien (Easter Europe – so hip!). Das klingt jetzt wie die zynische Beschreibung eines EAT PRAY LOVE für Intellektuelle, ist es vermutlich auch, aber ich möchte MY HAPPY FAMILY keinesfalls durch den BRIDGET JONES-Dreck ziehen. Das wäre auch absurd, denn wir sprechen hier über ein durchweg gelungenes, bei Berlinale und Sundance gezeigtes Arthaus-Werk.

In diesem erzählen das Regiepaar Nana & Simon die Geschichte von Manana, der es an ihrem 52. Geburtstag zuviel wird mit ihrer schrecklichen – äh, ich meine glücklichen – Familie. Der Filmtitel ist interessanterweise auf eindeutige Weise ironisch. Der Film selbst ist es gar nicht. Dieser zeigt die Familienverhältnisse als tief belastend  für die Hauptfigur– also gar nicht happy. Mananas erwachsene Kinder sind total unselbstständig, die Großeltern, die auch in der kleinen Wohnung leben, wuseln durchs Bild, beschweren sich und verlangen, dass Manana irgendwelche Sachen für sie besorgt. Nachdem sie ihren Mann Soso mehrfach bittet, sie an ihrem Geburtstag  in Ruhe zu lassen, lädt der mal eben seine ganzen Kumpels ein. So wird das halt gemacht.

Manana wird ziemlich viel abverlangt, und von allen Seiten schlägt ihr disrespect und Undankbarkeit entgegen.  Aber die Familie ist alles. „In Georgien fühlen sich die Menschen in der Regel glücklich, wenn sie von ihrer Familie umgeben sind. Das Bedürfnis, mit nahestehenden Menschen zusammen zu sein, einander zu beschützen und zu unterstützen, scheint eine Art Urinstinkt zu sein“, erklären Nana & Simon im Katalog des Forums der Berlinale – um uns sozial deprivierten Mitteleuropäern etwas kulturellen Kontext zu liefern. Jetzt, mit unserem neu gewonnenen Wissen über diese happy families in Georgien, können wir Mananas inneren Konflikt ansatzweise begreifen. In der Verantwortung ihrer Rolle als Tochter, Ehefrau und Mutter hat sie gar nicht das Recht sich selbst mal vorne anzustellen. Als sie ihre Sachen packt und eine eigene Wohnung bezieht, stößt sie bei ihren Familienmitgliedern nicht auf Wut oder Entrüstung sondern zunächst auf pure Verwirrung, denn sowas gibt es einfach normalerweise nicht.

Und dann zieht sie es echt durch, trotz aller Interventionsversuche von Familie und Bekannten. Sie baut sich ein eigenes kleines Reich auf, selbst als ZuschauerIn atmet man auf, wenn die Szene die überfüllte, laute Wohnung der Familie verlässt und man mit dem beruhigenden Klang des Windes als einzigem Soundtrack in Mananas Wohnung sitzen und auf den Park schauen kann. Dort wirkt sie glücklich, oder zumindest zufrieden. Endlich allein. Endlich bei sich.

Na, erinnert das nicht irgendwie an was?

Es ist nicht der Fall, dass der Film filmgeschichtlich oder inhaltlich mit dem US-amerikanischen Mainstream-Drama vergleichbar wäre. Es liegt mir fern zu behaupten, dass dieser die gleichen billigen dramaturgischen Tricks verwendet um bei uns Mitgefühl zu erzeugen. Er ist weder pathetisch noch abgedroschen, aber eine Verbindung gibt es doch mit Hollywood: MY HAPPY FAMILY  greift nämlich auf der gleichen emotionalen Ebene, wie diese Filme. Was total Okay ist. Neben den Einschränkungen und Missverständnissen, auf die Manana stößt, das Leiden, dass sie im Angesicht des Kinopublikums stellvertretend für die gesamte georgische Frauheit durchlebt, weckt MY HAPPY FAMILY  dieses altbekannte Gefühl. „Go girl!“ möchte man rufen und die furchtbare Großmutter in den Schrank sperren. Im Prinzip wird hier ebenso ein Märchen erzählt von dem unwahrscheinlichen Fall eines Individuums, das den Mut besitzt sich gegen alle Konventionen und sein gesamtes soziales Umfeld zu stellen. Sofort spüre ich mein Bergmannsch-fatalistisches Wesen aufschreien: „Kitsch! Niemals wär’ das so passiert! Das Leben ist nichtendender Schmerz und wir sind seine Knechte!“, beruhige mich aber wieder. Total gerührt beobachte ich die Szene. Als Manana zu den Bäumen vor dem Balkon ihrer Wohnung, ihrer Festung der Einsamkeit und Stille, hinunterguckt und dabei Torte isst -vor dem Abendessen, obwohl sie sich voll den Appetit verdirbt!- da ist sie frei. Gänsehaut.

Ich würde tatsächlich so weit gehen MY HAPPY FAMILY als Feel-Good-Movie zu bezeichnen, und dies im positivsten Sinne. Sein vorsichtiger Optimismus bildet ein ausgewogenes Zusammenspiel mit den vielschichtigen Konflikten, die im Film behandelt werden. Dadurch ist man auch nach einem langen Tag, drei Vodka-Aperetifs auf der goEast Eröffnung und schnarchigen Politikerreden nach zwei Stunden Laufzeit noch aufrichtig an Mananas Leben interessiert und fast bestürzt über das abrupte Ende.

Von Emeli Glaser

Gesehen beim 17. GoEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films  als Teil des Wettbewerbprogrammes.