(c) goEast Filmfestival 2019
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[1]  Ein surrealistisches Bosnien

Stille, dann Techno. Die Vorhänge, die uns vor Augen geführt werden, werden sich nie öffnen. Es war auch nie eine Bühne da. Alma (Sara Luna Zorić) bereitet sich auf ihren Aufenthalt in Bosnien vor. Sie möchte ihren kranken Vater besuchen, einer von vielen unbekannten Menschen die ihr begegnen werden.

Ena Sendijarevic‘ Debütfilm TAKE ME SOMEWHERE NICE portraitiert vor allem eins: Ein Bosnien, das in dieser Form selten porträtiert wurde, weder optisch noch inhaltlich. Kameramann Emo Weemhoff zeichnet ab der ersten Minute traumartige Bilder. Pastelltöne paaren sich mit grellen Neonfarben. Kadrierung innerhalb der Kadrierung selbst. Freier Raum, der mitunter dazu genutzt wird, der Welt in die sich Alma begibt, eine eigene Atmosphäre zu geben. Diese befindet sich zwar in Bosnien, jedoch in einem nahezu surrealistischen Bosnien. Ein Bosnien wie es auch Kubrick oder Lynch entwerfen würden. Während anfangs noch schnelle Schnitte dominieren, übernehmen statische Bilder in wunderlichen Winkeln irgendwann die Mise en Scène.

Alma ist ein Mädchen, das vor allem auf der Suche nach sich selbst ist. Sie befindet sich an der Schwelle ihres Lebens, an der sie nicht genau weiß, was ihre eigenen Ziele sind. Ziele, die nicht von der Gesellschaft oder ihrer Mutter diktiert werden. Der Film ist die klassische Kombination aus Coming-of-Age und Roadmovie. Die Dialoge werden auf ein Minimum reduziert, denn die Bilder erzählen für die Charaktere. Es könnte die direkte Autobiographie der Regisseurin sein, auch sie stammt aus Bosnien und lebt nun in den Niederlanden. Dies wirft jedoch die Frage auf, wieso sie es vermied, Almas Umstände zuhause mit denen in Bosnien zu kontrastieren. Darauf wurde nahezu gänzlich verzichtet, wobei sich das Trio dem wir folgen, perfekt dafür anbieten würde. All das würde jedoch das neugezeichnete Bild Bosniens zunichte machen und irgendwann ist es an der Zeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine neue und vor allem eigene Geschichte zu schreiben.

Christoph Piening

 

[2] Auf der Flucht vor sich selbst

TAKE ME SOMEWHERE NICE ist ein Roadmovie, das fast alle typischen Fortbewegungsmittel des Genres aufweist: Flugzeug, Bus, Zug und Auto. Die Motivation der Protagonistin sich auf diese Reise zu begeben, ist die Suche nach ihrem Vater, die aber schnell beendet ist, da er vor ihrer Ankunft stirbt. Die Erlebnisse, die unterwegs in den Fortbewegungsmitteln passieren treiben die Handlung auch nicht voran.

Genau das spiegelt wiederum die Orientierungs-, Ziel- und Ratlosigkeit der Protagonistin Alma wider, die vor sich selbst zu flüchten scheint, auf der Suche nach etwas Besserem, nach “somewhere nice“, auch wenn Sie das nicht findet oder dort anzukommen scheint.

Dialoge, die diese Lücken füllen sollen, erinnern bei der Ausführung an eine Laientheateraufführung – zu lange Pausen, hölzernes Schauspiel, und selbst die Sexszenen machen es nicht spannender.

Almas Reise nach “somewhere nice“, die durch bosnische Landschaften führt, wird zu kurz gezeigt, die ein oder andere Schwenkbewegung der Kamera über die Bergszenerien oder das Meer hätten dem Film nicht geschadet bzw. das Motiv des Roadmovies und dessen Reiseeindrücke unterstützt.

Der Film ist dahingehend gelungen, dass man ihn als Manifestation von Almas Persönlichkeit verstehen kann: eine gelangweilte, junge Dame, die keine Ahnung davon hat, wer sie ist, was sie sucht und was sie möchte und versucht, dies durch so wenig Anstrengung wie möglich herauszufinden.

Barbara Asante

 

[3]  Zu eckig und flach zugleich.

Ungeöffnete Koffer, verpasste Busse und Sex mit dem Cousin – mal was Neues. Oder doch alles alt und bekannt? Mein Cousin heißt Emir und ist ein Idiot.

Ena Sendijarevic’s „Take Me Somewhere Nice“ spricht viele interessante Themen an. Die Inszenierung bietet an diversen Stellen geistige Einladungen zur eigenen Erkundung von Herkunft und dem Verfolgen von Wünschen. Einflüsse von Jarmusch und Kameraperspektiven, die im Arthauskino häufiger ihre Verwendung finden, sind hierbei jedoch häufig fast zu leicht zu erkennen.

Alma reist mit Ziel, aber ohne gradlinigen Kurs – fast wie „Take me somewhere nice“ selbst: Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Wahrscheinlich soll‘s aber auch irgendwie genau darum gehen. Rebellisch sein halt.

TAKE ME SOMEWHERE NICE hat Aufmerksamkeit verdient und ist keineswegs ein schlechter Film, nur bin ich mir auch nach zwei Tagen Grübeln nicht im Klaren darüber was mir viele Szenen sagen wollen. Im Gegensatz zu anderen experimentellen Filmen bin ich narrativ und visuell auch nicht so in den Bann gezogen, dass ich einen Reiz verspüre, einzelne Fäden weiter zu verfolgen. Zu eckig und flach zugleich.

Sendijarevic’s Blick auf die Welt und ihre Bezüge zu Migration zeigen jedoch viel Potential. Das geweckte Interesse an ihrem nächsten Projekt kann ich nicht verleugnen.

Allan Massie

 

[4]  Existenzenpuzzle

Die Existenz des Einzelnen setzt sich aus den Existenzen der Anderen zusammen.
Alle bestehen aus Puzzleteilen, oder aus Scherben. Auf dem Weg sammelt man sie auf und setzt sich selbst zusammen. Oft müssen die Teile genau betrachtet, genau beleuchtet, unter die Lupe genommen werden. Erst dann wird klar, ob das Teil zu einem selbst gehört, oder für jemand anderen auf dem Weg liegt. Man nimmt das Puzzlestück in die Hand und befühlt seine Kanten. Vielleicht hat es jemand hier verloren, oder hier abgelegt. Auf jeden Fall ist es nicht neu, aber auch noch nicht verbraucht. Es kann niemals verbraucht werden, sich höchstens abnutzen.
Nun muss die Scherbe eingesetzt werden, nah des Herzens oder nah des Verstands. Den Rücken stärken, oder unter die Arme greifen. Dort sitzt die Scherbe fest und hält das Gerüst. Oder sie sitzt locker und springt bei nächster Gelegenheit heraus. Sie wird nicht vermisst werden. Jemand anderem wird sie besser passen. Manchmal stört ein Puzzlestück. Zu gewollt wurde es in seinen Platz eingesetzt, verkantet steckt es dort und verbreitet Unwohlsein. Wäre es nicht da, stürzt man vielleicht ein. Aber es drückt und zieht. Die anderen können es nicht sehen. Die anderen suchen sich
das Lachen, das Weinen, die sanfte Berührung, den festen Händedruck aus. Das Stück nehmen sie mit, für sich selbst. Wenn sie es nicht mehr wollen nehmen sie es heraus und legen es ab. Manchmal geben sie es weiter. Manchmal lassen sie es fallen. Damit haben sie es vergessen. Vielleicht setzen sie es aber nur woanders wieder ein. In den Hinterkopf, ins Bauchgefühl…

Alice Nagel

 

TAKE ME SOMEWHERE NICE
Ena Sendijarević
Netherlands, Bosnien und Herzegowina 2019
91 Min

TAKE ME SOMEWHERE NICE läuft im Wettbewerb des 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden.

Termine:
Sonntag, 14.04.2019, 18:00 Uhr, Caligari FilmBühne
Montag, 15.04.2019, 18:15 Uhr, Museum Wiesbaden
Montag, 15.04.2019, 20:30 Uhr, Deutsches Filmmuseum Frankfurt