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Lotte führt ein Lotterleben. Sie fühle sich wie ein leerer Luftballon, der mal wieder aufgeblasen werden müsste, erzählt die Krankenschwester einem Patienten bei der Arbeit und beneidet ihn um sein Krankenbett. Lotte, Anfang 30, nimmt ihren Job wenig ernst – dass sie verschlafen und mit Alkoholfahne ihre Arbeit antritt, ist Normalzustand. Miete zahlt Lotte auch nicht. Als Couch- und Bettnomadin schläft sie sich so durch, denn ihr On-Off-Freund hat sie gerade mal wieder rausgeschmissen, da sie ihm zu anstrengend sei. Bei einer alten Freundin findet Lotte zunächst Unterschlupf. Man kann nur erahnen, wie Lottes Vergangenheit ausgesehen haben muss, wenn die Kamera – sicherlich nicht zufällig – eine Schallplatte mit dem Soundtrack von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ einfängt. Die auf den ersten Blick distanziert unterkühlt wirkende Lotte gibt nur wenig von sich Preis. Versteckt hinter ihrer Sonnenbrille und bewaffnet mit einem Bier (mit Schuss) in der Hand zieht Lotte in ihrer schwarzen Lederjacke latent aggressiv durch Berlins Straßen und U-Bahnen. Arm aber sexy, nur nicht so beliebt.

Julius Schultheiß, Absolvent der Kunsthochschule Kassel, ist gleichzeitig Autor, Regisseur und Produzent seines Debütfilms LOTTE. Das Erstlingswerk wurde dabei durch eine Crowdfunding-Aktion und den privaten Bausparvertrag des Filmemachers finanziert – mit ganz viel Herzblut also. Schultheiß porträtiert in LOTTE eine junge, unangepasste Streunerin, die nie erwachsen geworden ist und für die Verantwortung und Langzeitbindung Fremdwörter sind. Nur Greta (Zita Aretz in ihrem Kinodebüt) läuft ihr hinterher. Das 15-jährige Mädchen wird nach einem Fahrradunfall bei Lotte im Krankenhaus eingeliefert und gibt ihr gegenüber den Kumpel. Schnell offenbart Greta sich als Lottes Tochter, aufgewachsen beim Vater, früh verlassen von ihrer Mutter. Gretas naive Versuche, sich Lotte anzunähern gestalten sich schwierig. Ihre Bemühungen, Lotte bei einem selbstgekochten Abendessen kennenzulernen scheitern. Liebe geht eben nicht bei jedem durch den Magen. Aber auf unvernünftige Deals lässt sie sich ein. Ein Zug an Muttis Zigarette ist Gretas Eintrittskarte in Lottes derzeitige Bleibe. Die ungesunde Mutter-Tochter-Beziehung beginnt: Rauchen, Saufen, „Jungs verhauen“. Man kann beim Zusehen nur schlucken und sich wundern, auf welche Art und Weise die beiden langsam zueinander finden. Wie unaufgeregt der Vater demgegenüber reagiert ist verblüffend. Dabei kommt immer wieder Lottes verletzte Seite zum Vorschein, und Greta entwickelt sich scheinbar zum „Minidouble“ Lottes. Doch nur so gewinnt sie Zugang zu ihrer Mutter und kann sie dazu bringen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

In ungeschönten Szenen spielt Karin Hanczewski (IM SOMMER WOHNT ER UNTEN) authentisch die Lotte, die am Abgrund des Hedonismus ihrer Mutterrolle nicht gerecht werden kann. Der tatsächliche Hintergrund ihrer Situation wird nicht weiter thematisiert und auch das Jugendamt erscheint nicht in Schultheiß‘ Drehbuch. Das verhindert eine Verurteilung Lottes durch die Zuschauer*innen und unterstreicht Lottes Unzugänglichkeit gegenüber ihrer Umwelt. Trotz ihrer Rüpelhaftigkeit wird sie dabei nie unsympathisch. Zwar kann man nicht immer ihr Handeln verstehen oder gar vertreten, aber eine Begegnung mit erhobenem Zeigefinger vermeidet der Film auf frische Art und Weise.

Dass Schultheiß den aktuellen Diskurs des bereuenden Mutterdaseins anschneidet ist nicht zu übersehen. Ins Rollen kam dieser durch die israelische Soziologin Orna Donath und ihrer Frage „Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, mit Ihrem heutigen Wissen und Ihrer Erfahrung, würden Sie dann noch mal Mutter werden?“. Antworten kamen von Frauen aus verschiedensten sozialen Schichten und natürlich waren auch welche darunter, die ihre Mutterschaft bereuen. Zwar die Minderheit, aber doch genug, um einen Platz in Foren und Feuilletons zubekommen. Endlich dürfen sie öffentlich ihr Leid klagen, Lotte jedoch kommt nicht zum Jammern.

Lottes Angst vor Verantwortung und Stillstand führen zur Flucht in die Unverbindlichkeit und in das anonyme Leben einer Großstadt. Hier kommt der raue Berliner Kiez mit seiner basslastigen Feierkultur ins Bild. Die dynamisch und im besten Sinne undistanziert gedrehte Clubszene begleitet Lotte und Greta bis zur Eskalation, die Schultheiß gekonnt irritierend mit aufwühlender Klassikmusik untermalt. Ein Fingergriff, der auch im Film VICTORIA (2015, Sebastian Schipper) direkt ins Mark trifft und nicht einfach an einem vorbei geht. So bleibt nicht nur diese Szene, sondern der Film insgesamt lange in Erinnerung, weil Schultheiß ein bekanntes Thema anders und doch so richtig in Bilder und Worte fasst.

Katharina Proksch

Gesehen beim 9. LICHTER Filmfest Frankfurt International.