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Sechs bis sieben Personen diskutieren aufgebracht in einem Zimmer, dazwischen drängt sich die Kamera. Sie streiten. Es geht um Kamerun um Bananen, Holz und Diamanten und warum sie trotzdem alle von dort weg sind. Kurze Zeit später sieht man vier oder fünf Männer ein Schlauchboot in einem Zimmer aufpumpen, dieses Mal ist es eine Seehawk 4, sagt jemand, beim letzten Mal war es eine Challenger.

C’est pas bien, das wäre nicht gut, meint Sylvain und spricht von einer möglichen Rückkehr seines Freundes, der sich vor acht Jahren aus Douala, Kamerun auf den Weg nach Europa gemacht hat. Eine Abschiebung hat Yves Moutoud bereits hinter sich. Schon zweimal ist er mit dem Schlauchboot von Marokko nach Spanien übergesetzt, wo er mittlerweile in Madrid lebt, und, wie so viele, weder Papiere noch Arbeit hat. Warum er trotzdem nicht einfach zurückkehrt, versucht Melanie Gärtner in ihrem Dokumentarfilm zu zeigen.

Sie ist nach Kamerun gereist, um Personen aus Yves’ vormaligen Umfeld aufzusuchen, seinen besten Freund, seine Schwestern, seinen Vater. Zu Hause oder am Arbeitsplatz, anhand von Fotoalben und Anekdoten, lässt sie sich von Yves und vor allem von Yves’ Abwesenheit erzählen.

Er war das Kind der Familie, das von allen geliebt wurde, sagt eine Schwester, konnte als einziger eine weiterführende Schule besuchen, sagt die andere. In Europa will und soll er nun Arbeit finden, der Familie Geld schicken und seine Versprechen halten.

Dass er sein Bestes tut und sein Zuhause nicht vergessen hat, dass Gott ihm beistehen wird und dass er vor allem Geduld haben muss, davon spricht Yves in kleinen Videobotschaften, die Melanie Gärtner Freund*innen und Familie überbringt und sie filmt, wenn sie zum ersten Mal nach langer Zeit von ihm hören.

Der Großteil des insgesamt 80-minütigen Films erzählt sich entlang dieser Videobotschaften und forciert damit eine Intimität, die ich nur schwer aushalten konnte. Die Botschaften hätten sich ja auch abseits der Kamera überbringen lassen können, die Enttäuschung, oder Wut, das Vermissen sich ja auch weniger im Hinblick auf die Produktion von Tränendrüsen-Material erzählen lassen können. Melanie Gärtner positioniert sich als klassische Voice Over-Filmautorin, die ein-, zweimal durchs Bild huscht und ansonsten aus dem Off mit vorsichtiger Stimme Fragen stellt, denen es an Sensibilität mangelt.

Ein „Kann man denn nicht auch erfolgreich und glücklich sein?“ klingt vermutlich moralisierender als es sein will. Und auf ein „Was sagt Ihnen dieses Video?“ antwortet Freund Sylvain glücklicherweise indem er einfach wiederholt, was Yves im Video zu ihm sagt, und verweigert sich damit – ob unabsichtlich oder nicht – dem Nachhaken der Regisseurin.

Vielleicht hätte es auch geholfen, hätte Gärtner deutlicher thematisiert, in welchem Verhältnis sie zu Yves steht, wo sie sich kennengelernt haben und was genau sie dazu veranlasst hat, diesen Film zu machen, wenn es noch ein bisschen mehr um die verheerende Langsamkeit europäischer Behörden gegangen wäre. Dann wäre der Film vielleicht mehr als ein weiteres Beispiel einer naiven Sehnsucht nach Biographischem.

Und trotzdem: Ich mochte, dass der Film sich auf den Druck und die Erwartungen konzentriert, die es Yves unmöglich erscheinen lassen, nach Douala zurückzukehren. Damit gerät hier etwas in den Fokus, das in Erzählungen über Flucht häufig unbeachtet bleibt.