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Verändert sich das Gefühl von Glück aus der Perspektive des Alters? Manana (Ia Shugliashvili), Lehrerin, Mutter und Ehefrau steigt zusammen mit einer Wohnungsmaklerin die Treppen eines heruntergekommenen Wohnhauses inmitten eines tristen Wohngebietes im georgischen Tiflis hinauf. Die ihr gezeigte kleine Wohnung ist verwohnt, schmutzig und wirkt unbehaglich. Für Manana stellt sie jedoch den Inbegriff von Freiheit und Selbstbestimmtheit dar. Die Sehnsucht nach Alleinsein mag zunächst befremdlich sein, doch der Film zelebriert diesen Zustand als absolute Vollkommenenheit auf äußerst berührende Weise. Mananas radikaler Entschluss ihren Ehemann, ihre Kinder und Eltern, mit denen sie auf engstem Raum zusammen gewohnt hat, zu verlassen, ist kein emanzipatorischer Amoklauf, sondern steht für die Luft, die zu dünn geworden ist, um atmen zu können. Ein Gespräch mit einer ihrer Schülerinnen liefert die Schlüsselszene dazu, in der die Schülerin ihr häufiges Fehlen durch ihre Scheidung begründet. Man müsse Entscheidungen dieser Art radikal treffen, meint die junge Frau, was Manana zum Schweigen bringt. Sie packt ihre wenigen Sachen zusammen und teilt ihren Entschluss der Familie kurz nach ihrem 52. Geburtstag mit. Den familiären Feierlichkeiten zuvor hat sie sich bereits entzogen. Die Umstände des Zusammenlebens, einem zwangsläufigen Zusammengeferchtsein, sowie die ungläubige Teilnahmslosigkeit der Familie, lassen das Gefühl von Mananas Unglücks immer spürbarer werden.

Ihr neues Refugium entpuppt sich indes immer mehr zum Ort des Glücks durch wunderbare Momente, wie wenn durch die geöffneten Flügelfenster zum Balkon Mozarts 11. Sinfonie ertönt, Manana ihr abendliches Gitarrenspiel nur für sich selbst zum Ritual werden lässt oder wenn sie auf dem windumspielten Balkon Tomaten pflanzt.
Dieser Zustand seligen Glücks steht im krassen Kontrast zu ihrem Ehemann, ihren Kindern und Eltern, die den Status Quo des menschlichen Zusammenlebens als natürliche Ordnung begreifen.
Nicht zuletzt wird dieser immer wieder in Frage gestellt, besonders als Manana zufällig während eines heiteren Abends mit ehemaligen Schulfreundinnen vom unehelichen Kind ihres Mannes erfährt. Dies bringt das gesamte Kartenhaus eines familiären Konstrukts zum Einstürzen. Die Infragestellung ihres alten Lebens, mitsamt einer Eskalation zwischen den neuen Nachbarn und ihrem Ehemann während eines Besuchs, laufen auf ein offenes Ende hinaus.
MY HAPPY FAMILY war der Eröffnungsfilm des diesjährigen goEast Filmfestivals, und lief zuvor bereits auf der Berlinale und auf dem Sundance Filmfestival. Der Film berührt nicht zuletzt durch die Nähe einer stets fremd scheinenden Kultur, getragen durch das Szenenbild und das herausragend reduzierte Spiel von Ia Shugliashvili.
Als Happy-End möchte ich das Ende des Films nun nicht bezeichnen, allerdings beantwortet die Regisseurin Nana Ekvtimishvili die Frage danach im Anschluss an die Vorstellung mit einem entschlossenen Ja.

von Stella Dunze

Gesehen beim 17. GoEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films als Teil des Wettbewerbsprogrammes.