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Ich liebe Schwulenpornos, weil es mir gefällt, wie das Sperma nach dem Akt zerfließt, sagt Sergey, während er die Teigtaschen seiner Mutter filmt. Sergey provoziert gerne. Er ist homosexuell und als geistig behindert eingestuft. Und er ist Patriot. Er schreibt Gedichte über sein Heimatland, in denen er es liebevoll „Rossijuschka“ (Russlandchen) nennt. Doch trotz seiner Liebe zum Vaterland bleibt Sergey ein Außenseiter. Beschreibt er noch zu Anfang seinen Alltag als ereignisreich, wird zum Ende hin klar, dass er kaum aus dem Haus geht. Es sei denn zu der regelmäßigen Kontrolle beim Psychiater oder anderen medizinischen Terminen. Sergey ist einsam und von der Gesellschaft isoliert. Diesen Umstand versucht er anfänglich noch vor der Außenwelt, mit der er über ein Videotagebuch auf Youtube kommuniziert, aber auch vor sich selbst, zu verbergen. Das funktioniert einige Zeit, bis das Ausmaß seiner Isolation nicht mehr schönzureden ist. 

Regisseur Oleg Mavromatti hat aus dem Videotagebuch eines Außenseiters und anderen Youtube-Videos einen Film über den gesellschaftlichen Status quo Russlands gemacht. Unkommentiert reiht er Sergeys Tagebucheinträge an andere Amateuraufnahmen von Supermarktbeobachtungen, Brandunfällen, gewalttätigen Übergriffen und sogar geglückten Selbstmorden. Dass die russischen sozialen Netzwerke gefüllt sind mit erschütternden Momenten im Leben anderer Menschen, ist befremdlich und gruselig. Und doch kann man nicht wegsehen. Man wird zum Voyeur, gar einem Gaffer. Man fragt sich aber auch, was das für Menschen sind, die diese Situationen filmen und das fremde Elend auch noch ins Internet stellen.

Die Sequenzen, die mit Sergeys Erzählungen kontrastieren, schildern auf unterschiedlichen Ebenen, was in der russischen Gesellschaft falsch läuft. Menschen wie Sergey, die von der Norm abweichen, werden ausgegrenzt. Sie gelten als krank, und am liebsten möchte man ihnen im Alltag nicht begegnen. Schaut man sich jedoch die Youtube-Sequenzen genauer an, so ist man am Ende nicht mehr sicher, wer hier der eigentliche Geisteskranke ist. Während Menschen kurz vor dem Tod stehen, filmen Schaulustige in Scharen das Geschehen, anstatt Hilfe zu leisten. Zu diesen Aufnahmen mischen sich schockierende Alltagsbeobachtungen von russischen Konsumorten. Ein Massenansturm auf einen Ausverkauf im Ikea wird von Mavromatti brillant mit Sergeys Erzählung vom „großen und heiligen“ Karfreitag kontrastiert. Man ist ein bisschen angewidert von dieser Mischung aus Konsum, Gafferei und Okkultismus.

Leider hält der Film selbst nicht immer dem Anspruch stand, sich von den Schaulustigen abzugrenzen. In einer am Anfang stehenden Sequenz, tanzt Sergey in einer schlabbrigen Unterhose vor der Kamera. Dass man dabei zuschauen muss, obwohl man ihn als Charakter noch gar nicht kennt, ist unangenehm. Hier nimmt man sich nicht seiner an. Man lacht bloß über den nackten Sergey, der seinen massigen Körper präsentiert und mit seinen herunterhängenden Brüsten spielt. Der Ausschnitt wirkt wie ein billiger Schocker, der den Film interessant machen soll.

Dabei hätte NO PLACE FOR FOOLS Derartiges überhaupt nicht gebraucht. Sergeys Erzählungen bewegen sich ohnehin irgendwo zwischen berührend und bestürzend. Immer wieder reproduziert er aufs Neue die in Russland verbreiteten Ressentiments gegen Schwule, Abtreibungen oder den „gefährlichen“ Westen. Dass er dabei auch gegen sich selbst hetzt, scheint er nicht zu verstehen. Darin entfaltet sich die Tragik von Mavromattis Kollage. Sergey kommt ausgerechnet da zu Ruhe und freudigen Erlebnissen, wo eigentlich kein Platz für ihn angedacht ist. Zwanghaft wiederholt er, wie gerne er fernsieht und welche Programme ihm besonders gut gefallen. Er beginnt mit einem morgendlichen Gesundheitsmagazin und arbeitet sich vor bis zu einer allabendlichen Talkshow. Ich brauche nichts anderes, sagt er, als den „Ersten Russischen Kanal“. Dass ebendieser Fernsehsender die größte Propagandaschmiede Russlands ist, versteht Sergey nicht.

Und so bleibt am Ende des Films ein Bild des modernen Russlands, das sich zwischen Konsumwahn, Intoleranz und Gafferei bewegt. Ein Armutszeugnis für ein Land, das sich darauf beruft, moralisch über allen anderen zu stehen. Bei solch einer gesellschaftlichen Dynamik mag man am Ende wirklich nicht mehr hinsehen.

Olga Galicka

NO PLACE FOR FOOLS lief beim goEast Film Festival 2016 in der Beyond Belonging-Sektion.