(c)  goEast Filmfestival 2019
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Heilige Maria, die arme Frau. Mit diesem Gefühl verlassen wohl die meisten Zuschauer*innen das Drama ENGELCHEN von Helke Misselwitz aus dem Jahr 1997.
Ramona, eine junge einsame Ostberlinerin, die in einer Lippenstiftfabrik am Fließband arbeitet, lernt durch Zufall Andrejz kennen. Ramona ist eine der wenigen Menschen, die dem Polen zuhören und sich abseits seiner illegalen Zigaretten für ihn interessiert. Beide verlieben sich ineinander, führen eine Fernbeziehung und erwarten ein Kind.
Immer wieder zieht Helke Misselwitz dabei den Vergleich zur Jungfrau Maria ran. Beginnend mit dem Moment, in dem Andrejz und Ramona sich am Berliner Ostbahnhof treffen, er sie küsst und Ramona ihren Name in dem Ausruf „Heilige Maria Gottes“ hört. Aufgenommen wird dieser Vergleich wieder, wenn Andrezj Ramona eine Bildersammlung mit Gemälden der Jungfrau Maria und dem Sohne Gottes schenkt. Auf offensichtliche Weise werden diese Bilder bei einem Picknick der jungen Familie pittoresk nachgeahmt. Als sich dann die Nachbarstochter aufopfernd um ihren Bruder und die alkoholabhängige Mutter kümmert, die den Namen Maria trägt, ist das Bild allerdings schon etwas abgenutzt.
Dennoch wohnt dem Film eine mitreißende Bedrückung inne, die sich nach 91 Minuten nicht so schnell abschütteln lässt. Ramona ist eine naive und liebevolle junge Frau, die immer wieder vom Leben gegeißelt wird: Erst erfährt sie, dass Andrejz in Polen bereits ein Frau hat, dann muss ihr lippenstiftklauende Schwester ins Gefängnis. Am härtesten trifft sie das Schicksal, wenn sie in einem Krankenhaus aufwacht und erfährt, dass sie ihr Kind verloren hat.
Das Herz bricht einem spätestens dann, wenn Ramona nach Hause kommt und ihr geliebter Wellensichtich tot ist. „Es ist tot und ich kann nie wieder eines haben“. Damit ist wohl endgültig klar, warum diese Frau am Ende des Filmes ein psychisches Wrack ist. Wenn sie schließlich das Gebot „Du Sollst nicht stehlen“ bricht und ein Kind entführt, kann man fast nicht anders als sie zu verstehen.

Sophie Kaupp

ENGELCHEN
Helke Misselwitz
Deutschland 1997
91 Min

ENGELCHEN lief als Teil der Sonderreihe “Die Wilden 90er” beim des 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films.