"The Distinguished Citizen", Eröffnungsfilm des 10. LICHTER Filmfest Frankfurt International (c) Latido Films
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Ich hatte mir fest vorgenommen, mitzuschreiben. Ehrlich. Nach einem spannenden ersten Tag auf dem 10. Lichter Filmfest und der Vorführung des Eröffnungsfilms THE DISTINGUISHED CITIZEN, sitze ich nun dennoch vor einem fast leeren Blatt. Doch wenn der Blick über zwei Stunden gebannt an der Leinwand haftet, bleibt eben nicht viel Zeit für Notizen. Das Gespann aus Gastón Duprat und Mariano Cohn liefert in Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Andrés Duprat einen Eröffnungsfilm ab, der Lust auf das LICHTER Filmfest Frankfurt International macht.

Der argentinische Schriftsteller Daniel Mantovani, der mittlerweile in Europa lebt, wird nach einer jahrzehntelangen Karriere mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Schon seinen ersten Auftritt im Film nutzt er konsequent, um dem Zuschauer einen Einblick in sein Wesen, seinen Charakter, vor allem aber seine Ängste zu gewähren. Als ein Künstler, über dessen Brillanz sich alle einig sind, dessen Werke alle verehren und feiern, sei er am Ende seiner Karriere angelangt, sei er nicht weiter in der Position, ungemütlich und trotzig zu sein, wie es ein Künstler gemäß seiner Auffassung zu sein hat.

Nach einem Zeitsprung von fünf Jahren findet Mantovani sich im Leben eines Stars wieder. Die Unmengen an Terminen und Öffentlichkeitsauftritten lösen nichts in ihm aus. Es hat beinahe etwas Therapeutisches, wie er und seine Sekretärin sich gegenübersitzen und seine anstehenden Einladungen besprechen. Die meisten lassen ihn kalt: abgelehnt, abgelehnt, abgelehnt. Nur eine einzige weckt sein Interesse. Sie stammt aus seinem biederen Heimatdorf Salas.

Dort angekommen entfaltet sich eine Geschichte zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Liebe und Hass, zwischen Reue und Trotz. Mantovani trifft auf alte Bekannte, eine einstige Geliebte sowie auch fremde VerehrerInnen und Feinde. Nicht nur er selbst, auch seine Ideale und Überzeugungen werden auf die Probe gestellt.

Stück für Stück wird das Puzzle Mantovani auf der Leinwand zusammengesetzt, so lernt man ihn als widerspenstigen Schriftsteller kennen, erhält im Laufe des Filmes allerdings noch viel tiefere Einblicke in seinen Charakter, der alles andere als nur schwarz oder weiß ist. Die wahren Farben mit all ihren Zwischentönen zeigen und entwickeln sich während seines Heimatbesuches, der ihm viel abverlangt und auf dem er vor viele Fragen gestellt wird, ohne dass er immer eine klare Antwort findet.

Die Unruhe in Mantovani spiegelt sich wie viele inhaltliche Aspekte in der Inszenierung des Filmes wider. So steht die Kamera genau wie der Protagonist zu keinem Zeitpunkt still, sondern ist immer in Bewegung, etwas unsicher und unruhig. Es ist bezeichnend, wie oft Mantovani der Kamera den Rücken zudreht und vor ihr wegzulaufen scheint, als wolle er sich gewissen Dingen nicht stellen.

THE DISTINGUISHED CITIZEN lässt nicht nur seinen Protagonisten, sondern auch seine Bilder sprechen, und zeigt eindrucksvoll, wie effektiv eine stimmige Inszenierung ein riesiges Ausrufezeichen hinter den Inhalt eines Filmes setzen kann. Der Film eröffnet das 10. LICHTER Filmfest Frankfurt International mit einem Paukenschlag und wirft Fragen auf, die hinsichtlich des diesjährigen Mottos „Wahrheit“ zum Denken anregen.

von Benjamin Dogan

Eröffnungsfilm des 10. LICHTER Filmfest Frankfurt International am 28.03.2017
Wiederholung: 01. April 2017 um 20:00 Uhr in der Caligari Film-Bühne, Wiesbaden.