(c) endzeit.at
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„Kunst schafft Neues. Kunst stellt Fragen. Kunst überwindet Grenzen. Kunst wirkt.“ Genau aus dem in der Eröffnungssequenz dem von Anna und Jan Groos realisierten Webserie ENDZEIT mit solchen inhaltslosen Floskeln beschriebenem Kunstbetrieb möchte Daniel, der Protagonist (Jan Groos selbst), aussteigen. Er ist genervt von einem Kunstbetrieb in dem er sich als Hofnarr einer feinen Gesellschaft versteht, eine Gesellschaft, für deren Pseudo-Gewissen durch den Kauf seiner Kunst befriedigt werden soll. Dieses System ablehnend, versucht sich Daniel beruflich neu zu orientieren. Im Keller seines Hauses findet er Notfallutensilien, die ihm ein Onkel vererbt hat, und so beginnt er Survival Kits in Form von Rucksäcken für eine Postapokalypse zusammenzustellen, um sie anschließend im Internet zu versteigern. www.endzeit.at ist geboren. Seine Frau Valerie, die – ebenfalls Teil des Kultur-Prekariats – einen Off-Space leitet, ist entsetzt. Daniels Geschäftsmodell erweist sich als äußerst rentabel, sodass er beschließt zu expandieren. Die Unsicherheit und Ängste der Menschen werden zu einem Geschäftsmodell. Oder anders gesagt: Kapitalismus wird durch die Aneignung kapitalistischer Strukturen bekämpft. Mit der Zeit beginnt er sich mehr und mehr für einen tatsächlich alternativen Lebensstil zu interessieren, seiner Meinung nach „eine Form von gemeinschaftlichen Zusammenleben, die nicht dazu gezwungen ist in einer kapitalistischen Verwaltungslogik zu funktionieren.“
Daniel möchte keinen hippiesken, ent-technologisierten Raum jenseits der Gesellschaft kreieren, sondern gegenwärtige Strukturen oder neue Technologien wie Bio-Hacking aufgreifen und anwenden. Neue Technologien erschaffen neue (Lebens-)Räume. Diese werden auch auf der visuellen Ebene der Serie reflektiert, indem verschiedenen filmische Techniken benutzt und mediale Bezüge hergestellt werden: Smartphone-Videos und der Einsatz von Handkamera stehen neben der Montage von mehreren bewegten Bildern in einem Filmbild, YouTube-Videos und animierten Memes. Aus diesem Grund ist das Internet (auch) der richtige Ort für die Präsentation der Serie.
Anna und Jan Groos demonstrieren mit ENDZEIT, dass auch mit einem sehr geringen Budget von 20 000 Euro eine Web-Serie verwirklicht werden kann, die auf allen Ebenen überzeugen kann. Die vermutlich auch durch die finanziellen Mittel stattfindende Reduktion auf der visuellen Ebene wirkt sich letztlich positiv auf das gesamte Konzept aus. ENDZEIT gelingt es außerdem als 110-minütiger Spielfilm im Kino zu funktionieren. Kein Wunder also, dass sie nach der Präsentation als Spielfilm auf der Diagonale in Graz und dem Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken nun auf dem LICHTER Filmfest vorgestellt wurde. Schön zudem, dass eine zweite Staffel bereits in Vorbereitung ist.

Sabrina Kürzinger

Zu sehen als Teil der regionale Langfilme außerhalb des Wettbewerbs beim 9. LICHTER Filmfest Frankfurt International.