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Der Dokumentarfilm „Cinema. A Public Affair“ (D 2015) von Tatiana Brandrup nimmt den Zuschauer mit auf die Reise des Kinofilms. Mit nach Moskau ins „Musey Kino“, wo Filmenthusiasten den Kampf gegen den Fall ihrer Herzensangelegenheit bestreiten – unaufhörlich und ehrlich.

Film ist Kunst und keine schwarz-weiße Predigt

Die russische Dokumentarfilmerin Tatiana Brandrup rekonstruiert in „Cinema. A Public Affair“ die Geschichte des Aufstiegs und Falls des Moskauer „Musey Kino“ und setzt die Angst und Engstirnigkeit der Gesellschaft in ihrem Film als wesentliche Faktoren für eine Verdrängung der Filmkultur aus der russischen Hauptstadt.

Die Unterwanderung der russischen Filmkultur durch politische Machtbestrebungen wird dem Zuschauer besonders im Gespräch mit dem russischen Filmhistoriker und Leiter des Eisenstein-Archivs Naum Kleiman ins Bewusstsein gebracht: dieser gibt in den Interviewsequenzen, die sich rhythmisch durch den Film ziehen, viel seiner Persönlichkeit preis. Man bekommt so eine Ahnung, was einen Jugendlichen damals zum Film (ver)führte, warum er unaufhörlich für seine große Liebe kämpft und trotz Korruption und Niederschlägen nicht aufgibt. Selbst dann nicht, wenn sich die Moskauer Stadt ihm zu entledigen versucht.

Auch in der Unterhaltung mit zwei Pionieren der politisch-ästhetischen Filmkunst, Erika und Ulrich Gregor, wird klar: das ist mehr als Freundschaft.

Die drei Freunde lernten sich vor über 40 Jahren in Moskau kennen und trotz vorherrschender Sprachbarrieren und dem Hintergrund anderer politischer Gesellschaften, eint sie die Liebe zum Film und Kino. Naum Kleinman eröffnete im Jahr 1989 das „Staatliche Moskauer Kino Museum“, zu einer Zeit als die Sowjet Union schon fast im Zenit ihres Kollaps stand und die Politik Michail Gorbatschows nach mehr Offenheit und Freiheit strebte – und obsiegte. Gerade auch unter den Vorboten der „Glasnost“ und „Perestroika“ entwickelte sich das Museum zum einem Ort der liberalen künstlerischen und intellektuellen Diskussion. Bis ins Jahr 2005 florierte hier ein reger Gedankenaustausch, frei nach dem von Kleiman im Interview geäußerten „Mantra“, dass Filmkunst keine Predigt sei und eben keiner schwarz-weißen Dialektik folge.

Film(e) für die Hoffnung

Genau das ist vielleicht ein Grund, dass dieser Ort der Liberalität & Filmliebe im Jahr 2005 – aus fadenscheinigen politischen Aktionen heraus – seine Pforten schließen musste. Samt Inhalt der Cinemathek wurde die Belegschaft des Museum de facto auf die Straße gesetzt. Trotz der augenscheinlichen Unerwünschtheit durch Machthaber und Politiker kämpfen die Filmenthusiasten aus der Obdachlosigkeit heraus unermüdlich für ihre Filme. Auch die zweifache Verbannung Kleimans ins Exil, einmal durch die Schließung des „Musey Kino“ und sodann im Sommer 2014 durch seine forcierte Ersetzung als Museumsvorsitzender durch Larisa Solonitsyna, die klar als politisches Machtwerkzeug der russischen Regierung „gesandt“ wurde, um die filmischen Kreise zu zerschlagen.

Und hier endet der persönliche und liebevolle Dokumentarfilm: jedoch nicht mit Resignation oder dem Obsiegen totalitärer politischer Maßnahmen. Die Schlussszene nimmt der Zuschauer mit auf eine Autofahrt durch die Innenstadt von Moskau, im Dunkeln der Straßen erleuchtet durch die Lichter der Schaufenster, Autos und Straßenlaternen. Es ist eine hoffnungsvolle Atmosphäre, die den Weg nach vorne weißt. Genau hier gilt es reflektiert anzusetzen und die Aktualität in der doch nostalgischen Geschichte des „Musey Kino“ und Naum Kleimans für das heutige politische Vorgehen in Russland zu betrachten. Der Film ist eine Befreiungsmethode, gedacht als Agora, als Platz für echte und aufrichtige Demokratie, der mit seiner Geschichtsschreibung beginnt, wenn er zu Ende ist.