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Ich wollte dir sagen, dass ich verrückt nach dir bin, sagt der Bassist Mietek zu Silber. Nein, unterbricht sie, ich bin diejenige, die verrückt nach dir ist. Sie zieht sich nackt aus, ihr Unterkörper wird zu einer Flosse. An ihrem Ende ist eine Öffnung, ihr Geschlechtsorgan. Steck ihn rein, sagt sie selbstbewusst. Am Anfang von Agnieszka Smoczynskas Debüt, sind es die Frauen, die die Kontrolle über ihren Körper haben. Die Sirenen-Schwestern Gold und Silber entdecken ihre erwachende Sexualität und leben diese unter den Menschen aus. Während Silber sich in einen jungen Mann verliebt, entdeckt Gold ein blutrünstiges Verlangen in sich. Umgeben von vielzähligen Verehrern, frisst sie in regelmäßigen Abständen Männerfleisch. Die besondere Delikatesse ist dabei das Herz. So platt diese Metapher auf den ersten Blick erscheinen mag, so funktioniert sie im Kontext einer bewusst kitschigen und von Ostalgie geprägten Horrorfilm-Musical-Aufmachung durchaus.

Die Sirenen-Schwestern werden von dem Gesang des schönen Mietek an das Ufer gezogen. Schnell werden sie zum Teil seiner Band. Zusammen mit der Frontsängerin treten sie regelmäßig in einem zwielichtigen Burlesque-Club in der Unterwelt Warschaus auf. Die Menge ist begeistert von den schönen Schwestern und sie werden bald zur Hauptattraktion des Clubs. Trotz des Settings sind es Frauen, die diese Welt dominieren und ihr eine Richtung vorgeben. Smoczynska schafft eine Welt, in der es Spaß macht, eine Frau zu sein. Die Frauen im Film sind selbstbestimmt, schön und genießen ihre Weiblichkeit. Dieser Genuss wird von der Ästhetik getragen. Der Film spielt im kommunistischen Polen der Achtzigerjahre. Über dem Glitzern von Lametta und Bühnenkostümen liegt ein grüner Schleier, eine gewisse Reminiszenz an den Kommunismus-Kitsch dieser Zeit. Untermalt wird der nostalgische Look des Films von schrillen Musical- und Performancenummern. Die Lieder des Schwestern-Duos Ballady i Romanse, eine Mischung aus Disco-Pop und Grunge, machen den Film zu einem sexy Fest der Weiblichkeit, der Achtziger, der Jugend und des Lebens.

Leider bleiben jedoch die Charaktere bis zum Ende bloße Abziehbilder. Das stört aufgrund der starken Ästhetik und der musikalischen Rahmung erst einmal nicht. Der Film hat auf der visuellen Ebene so viel zu bieten, dass man bereit ist, den Inhalt als sekundär zu betrachten. Doch es scheint, als hätte sich Smoczynska selbst im letzten Drittel aus Angst vor inhaltlichen Schwächen an Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ Gerüst geklammert. Die zarte Silber entscheidet sich, ihre Flosse gegen echte Beine und Vagina einzutauschen, um mit Mietek zusammen sein zu können. Dabei verliert sie ihre Stimme und der schöne Bassist schon bald das Interesse an ihr. Er heiratet eine andere. Spätestens die Hochzeitsparty erschlägt die von Smoczynska sorgsam aufgebaute Welt starker Frauen. Sie alle sind nun männerlos und deswegen unglücklich. Ihre Sorgen ertränken sie im Alkohol. Silber droht sich in Schaum zu verwandeln, falls sie vor Sonnenaufgang den untreuen Geliebten nicht aufisst. Doch sie findet die Tat unmenschlich. Sie entscheidet sich deswegen in den Armen des Mannes, der sie hintergangen hat, den letzten Sonnenaufgang zu genießen.

Silber hätte dem Feminismus einen Gefallen getan, wenn sie ihn einfach aufgefressen hätte oder wenigstens nicht in seinen Armen gestorben wäre. Stattdessen hat sich die Regisseurin dazu entschieden, das Bild der aufopfernden Frau abzuspulen – er konnte sie nicht akzeptieren wie sie ist, sie opfert alles für ihn und er lässt sie trotzdem fallen, doch ihre bedingungslose Liebe für ihn bleibt erhalten. Am Ende des Films geht es nicht mehr um die jungen Frauen und die Entdeckung ihrer selbst, sondern um das Abarbeiten längst überdrüssiger Frauen- und Männerbilder. Plötzlich sind die Frauen auf Männer angewiesen und können ohne sie nicht glücklich sein. Die Männer hingegen nehmen sich ohne Rücksicht auf Verluste das, was sie brauchen, weil sie eben Männer sind. Während die Handlung zum Ende hin immer konfuser wird, verliert der Film seine Attraktivität.

THE LURE bleibt ein Feuerwerk wunderschöner musikalischer und visueller Reverenzen. Leider verschießt der Film sein Pulver zu früh. Vielleicht ist aber das ernüchternde Ende auch genau das böse Erwachen, das zwar schmerzhaft ist, aber in der heutigen Welt sein muss. Denn das Leben ist eben kein schöner Popsong über Gleichberechtigung und Liebe, und die Achtziger sind längst vorbei.

Olga Galicka

THE LURE lief im Wettbewerb des goEast Film Festival 2016.