Bikino Moon
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Bikini ist eine Kraft, das ist von Anfang an klar. Das Dokumentarfilmteam, welches sie begleitet, wird angeleitet von dem Regisseur Trevor (Will Janowitz). Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bikinis schweren Weg zurück in die Normalität festzuhalten, mit allem, was seiner Meinung nach dazugehört: Aufarbeitung der traumatischen Ereignisse während Bikinis Einsatz im Irak, ihre Medikamentierung, die Wohnungssuche, den Kampf um das Sorgerecht für ihre kleine Tochter. Bikini braucht Hilfe, das ist für Trevor ganz klar. Sie schläft auf der Straße, riecht streng und bricht permanent aus. Sie ist schön und sexuell aggressiv. Nach dem Sex fragt sie: „No thank you for my service?“ Sie ist eine Wucht die schwer zu kanalisieren ist. Krank. Bemitleidenswert. Weiblich.

Die Bilder sind ein Sog. Spiegelungen, Lensflares, ein Fluss aus Bildern, in deren Ästhetik die Zuschauer_innen aufgehoben sind, atmen können, statt gedanklich einem Stil hinterherzuklettern. Immer wieder unterbrochen von kruden Aufnahmen, die von Handys stammen, oder Überwachungskameras. Die Zusammenstellung der Bilder macht aber auch klar: Hier handelt es sich nicht um dokumentarische Aufnahmen. Das hier ist eine filmische Inszenierung.
Das Material unterliegt einer aussergewöhnlichen Prämisse: Es besteht ausschließlich aus Bildern, die sich aus der Handlung und aus den Spielorten erklären. Somit sind die Bilder den Entscheidungen der handelnden Figuren unterworfen. Was interessiert sie? Wohin gehen sie? Gibt es Geld für den Dokumentarfilm?
Daraus ergeben sich gelegentlich Zeitsprünge. Diese werden ohne viel Aufhebens erklärt, komplett neue Figuren tauchen auf oder Altbekannte tauschten die Positionen. Hier fängt es an, interessant zu werden! Denn wenn sich die Positionen im Filmteam verändern, dann verändern sich auch die Perspektiven auf Bikini, und das wiederum öffnet ihr komplett neue Türen. Auch die Möglichkeiten der erzählerischen Mittel verändert sich: Bikini klopft gestresst irakischen Sand aus ihren Stiefeln? Zuerst war da keiner zu sehen, ein Hirngespinst. Doch schließlich rieselt er goldgelb zu Boden!

Von Beginn an sucht Bikini nach einem Umgang mit dem Blick, den Trevor auf sie wirft. Condola Rashad spielt Bikini dabei wie Wasser. Unberechenbar plätschert sie durch die wildesten Emotionen ohne ihre Zuschauer_innen zu verlieren, und immer mit einem spürbaren Strom, den Willen ihrer Figur, Bikinis Bewusstsein eine Rolle zu spielen. Sie macht so viele Ebenen auf, wenn sie als Bikini fragt: „Do you want me to?“, während Trevor beiläufig auf ihre Tränen zoomt und mehr über ihre Kriegserlebnisse wissen will. Bikini wehrt sich, richtet die Kamera ihres Smartphones auf ihn und greift ihn schließlich an. Hier geht es um mehr, als Milčo Mančevskis Positionierung dazu, dass Filmschaffende ethisch fragwürdig die Situation ihrer Protagonist_innen ausschlachten. Hier geht es auch um das Helfen selbst, wenn Trevors Freundin Kate (Sarah Goldberg), selbst Protagonistin in seinem Film, Bikini in das gemeinsame Haus einlädt und dafür ausgelacht wird. Wem hilft ihr Mitgefühl? Es ist kein Zufall, dass Trevor und Kate weiß und gut situiert sind, während Bikini schwarz ist und den Tonman Krishna (Sathya Sridharan) als einzige weitere nicht-weiße Person um sich hat.
Und immer wieder rutscht die zweite Kamera ins Bild und schaut auch ins Publikum, thematisiert beiläufig die Erwartungshaltung der Rezeptor_innen.

Die Zuschauer_innen visuell nicht an den allwissenden Erzähler zu binden und dazu noch die Motivationen hinter den erzählten Kameras immer wieder zu verändern, das ist Milčo Mančevskis Kunstgriff. Damit wird er nicht nur der komplexen Figur Bikini gerecht, sondern lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer_innen auch immer wieder auf die andere große Kraft, die in seiner Geschichte Bikinis wahrer Gegenüber ist: Die Macht der Perspektive.

von Sarah Paar