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Bleierne Schwere und Tristesse. Dunkelblau, Dunkelgrau, Dunkelgrün und Dunkelgelb. Dies sind die Farben des Dramas Corpus Christi vom polnischen Regisseur Jan Komasa.

Die rohe Gewalt eines Jugendgefängnisses bietet den Startpunkt für die Handlung, welche sich um den 20-jährigen David entspinnt. Es geht ums nackte Überleben, denn immer wenn das Gefängnispersonal den Raum verlässt, werden Konflikte ausgetragen, die Rangordnung neu definiert. Schlägereien und Morddrohungen stehen auf der Tagesordnung.

Der Antiheld David wird vom charismatischen Theaterschauspieler Bartosz Bielenia mit großer Hingabe und extremer Körperlichkeit gespielt. Gleich am Anfang der Geschichte wird David aus dem Jugendgefängnis entlassen. Da er während der Haft zu Gott gefunden hat, ist es sein größter Wunsch, Priester zu werden. Die Ausbildung zum Priester darf er aber aufgrund seiner Vorstrafe nicht antreten.

Er verspricht Pfarrer Tomasz am nächsten Tag pünktlich und nüchtern bei seinem neuen Job im Sägewerk aufzutauchen. Doch das Erste was David mit seiner wiedergewonnen Freiheit macht, ist sich zu besaufen und Drogen auf einer Techno-Party einzuwerfen. Am nächsten Tag steht er verkatert vorm Sägewerk und entscheidet sich dazu, erstmal in die Dorfkirche zu gehen. Dort gibt er sich (mit Hilfe eines improvisierten Kollars) als Priester aus und wird prompt dem Dorfpfarrer vorgestellt.

Als der Pfarrer am nächsten Tag nicht aus dem Bett kommt, vertritt David ihn kurzentschlossen. Im Beichtstuhl sitzend, recherchiert er auf seinem Smartphone, wie er eine Beichte abzunehmen hat. Schon kurz darauf hält er die Messe ab und versucht der Gemeinde dabei zu helfen, ein traumatisches Ereignis zu verarbeiten.

Das Drehbuch stammt von Mateusz Pacewicz und beruht auf wahren Begebenheiten. Es ist geradezu mustergültig, wie Jan Komasa die polnische Gesellschaft seziert. Das ist ganz großes Kino, welches für die 92. Academy Awards 2020 im Bereich Bester Internationaler Spielfilm nominiert wurde. 

Alkoholmissbrauch durch alle Schichten und Altersgruppen hindurch ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Portraits einer Gesellschaft am Abgrund. Übermäßiger Alkoholkonsum war der Grund dafür, dass David im Jugendknast landete; Alkoholismus ist die Krankheit, welche den Dorfpfarrer dazu bringt, überstürzt die Gemeinde zu verlassen; und Koma-Saufen war höchstwahrscheinlich der Grund für den Autounfall, bei dem sechs Teenager und ein Erwachsener des Dorfes ums Leben kamen.

Die Dorfgemeinschaft droht an der Wut und Trauer, die der Verlust der sechs Jugendlichen hervorbringt, zu zerbrechen. Denn die Hinterbliebenen lenken ihren Hass auf die Witwe des siebten verstorbenen Unfallbeteiligten. David versucht die Dorfbewohner davon zu überzeugen, dass Vergebung der bessere Weg ist mit der Trauer umzugehen. Denn er ist überzeugt davon, dass das Paradies nicht im Himmel, sondern auf der Erde, im Hier und Jetzt zu finden sei.

Mit unorthodox wirkenden Methoden, wie zum Beispiel Antiaggressionstraining und Konfrontationstherapie, hilft David den Dorfbewohnerinnen ihre Gefühle zu ordnen.

Am Ende ist David wieder da, wo er am Anfang war. Die Spirale aus Einschüchterung und Gewalt hat ihn eingeholt. Und eins wird klar: Die Zeit als Fake-Priester war eindeutig Davids persönliches Paradies auf Erden.