Barstow
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My skin feels warm and alive this St.Quentins september as if a lizzard sunning on a big rock instead I am wearing prison blues: shirt, pants and coat. So heißt es auf dem Off. Diese Stimme, sagt Rainer Komers später beim Filmgespräch im Filmmuseum, hatte er zum ersten Mal im Kurzfilm Three Poems by Spoon Jackson von Michel Wenzer gehört und war, wie sagt man das, gebannt. Es ist die Stimme von Stanley “Spoon” Jackson wegen der Komers im letzten Teil seiner American West Trilogie nach Barstow, California im County San Bernardino an der Route 66 gereist ist. Ein Kaff oder Nest, verschlafen, heruntergekommen – in Barstow gibt es nicht viel, denkt man und täuscht sich. Im Laufe des 70-minütigen Films besucht Komers diverse Orte in und um die Kleinstadt herum. Er lässt sich von einer Geologin das spezielle Klima der umliegenden Mojave Hochwüste erklären. Er spricht mit Motel- und Kneipenbetreiber*innnen. Und er fährt zum Fort Irwin, ein US-Military Trainingscamp, das von einem der Officer großmäulig als “the biggest lasertag playground in the world” beworben wird. In Settings, die versuchen, arabischen Straßenzügen zu entsprechen, kann man dort schießen üben. Und wenn man sich 30 Tage im Vorhinein anmeldet, ist man auch als Amateur*in willkommen. Auch das gehört zu Barstow.

Hier ist Spoon aufgewachsen, bis er mit 19 Jahren “jemanden umgelegt” hat und dafür lebenslänglich ohne Bewährung bekam. Nun sitzt er seit über 40 Jahren in verschiedenen kalifornischen Gefängnissen seine Strafe ab. Irgendwann hat er zu schreiben begonnen: Gedichte, die häufig von seiner Kindheit in der Kleinstadt erzählen. Vom Heranwachsen als eines von 15 Kindern, von Armut, vom Schwarz sein und Alltagsrassimsus und davon, den Kopf oben zu behalten und in den Himmel über Barstow zu schauen. Nicht so sehr aus religiösen Gründen allerdings. Boy you better pray, das habe der sonst so wortkarge Vater vor Spoons Gerichtsprozess zu ihm gesagt. Zwei seiner Brüder führen Komers an Orte, an denen Spoon sich vor seiner Inhaftierung häufig aufgehalten hat. Wiesen und Felder, von denen sich die Stadt, die Bahntrasse und die Berge dahinter gut überblicken lassen. Über solche langen Totalen hinweg erzählt sich Barstow, California immer wieder entlang von Spoons Texten und umgekehrt. Komers habe Bild und Stimme verschmelzen wollen, sagt er. Das ist ihm gelungen.

Komers, der seit einigen Jahren selber Lyrik schreibt, war mit Spoon in Austausch getreten. Mittlerweile hat er dessen Gedichte ins Deutsche übersetzt und den Sammelband Felsentauben erwachen auf Zellenblock 8 im kleinen Duisburger Verlag edition offenes feld herausgegeben. Während der Aufnahmen hat er Spoon im Solana State Prison besucht. Das Gefängnis sah aus wie eine Weltraumstation, mitten in der Wüste gelandet, mit dicken Antennen und Tischen aus Beton, beschreibt Komers. Und auch, wie seltsam diese ganze Gefängnisindustrie sei, die es in den USA mit über 2 Millionen Gefangenen gebe, die speziellen Telefonservices und Versandhäuser. Kurz habe es für Spoon und seine Anwält*innen die Hoffnung gegeben, dass er im Zuge der Begnadigungen zum Ende der Amtszeit des kalifornischen Gouverneurs Jerry Brown frei gesprochen werden würde. Das ist leider nicht passiert. Aufnahmen von Spoon gibt es im Film trotz Dreherlaubnis keine. In so entwürdigenden Umständen habe Komers ihn nicht filmen wollen, die Bilder hätten die tolle Stimme nur vernichtet.