15184_20th_RIBBON
FacebookTwitterBlogger PostGoogle Gmail

Stellen Sie sich vor, Sie laufen durch die Haustür, und siehe da, Vater sitzt auf dem Boden und isst Toilettenpapier. Ein Bild, das man sich heutzutage besser vorstellen kann als je zuvor. Hinzu kommt der skrupellos ermordete Stofftier-Papagei. Zunächst eine Überforderung und die altbekannte Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Matthew Rankin erzählt in The Twentieth Century den persönlichen und politischen Werdegang von William Lyon Mackenzie King. 1899 beginnt seine politische Laufbahn, später wird er Premierminister Kanadas und bleibt fast zweiundzwanzig Jahre lang im Amt. Die kanadische Geschichte wirkt auf den ersten Blick hierzulande unbedeutend, der Film bietet allerdings universell-anwendbare Kritikpunkte.

King steht im Konflikt mit sich selbst und seinem Umfeld. Der fanatisch-ödipale Wunsch, seine Mutter zufriedenzustellen konkurriert mit seinem Liebesleben. Gleichzeitig treibt ihn das Streben nach mütterlichem Wohlgefallen voran. Dazu kommt seine Vorliebe, benutzte Stiefel abzuschlecken und dabei zu onanieren. Seine moderate, politische Haltung weicht zunehmend einer Annäherung an kanadische Anhänger des Faschismus (Dominion of Fury nannte sich die entsprechende Partei), und schließlich wird er mit dieser Ideologie zum Staatsmann. Die panische Angst, seine Karriere mit nur einem Fehler zu zerstören, beeinflusst jede Lebensentscheidung. Sein unverschämtes Machtstreben bringt ihm letztlich den Erfolg. Trotz fehlendem Charisma, Intellekt und Führungsqualitäten gelingt es ihm, in das höchste politische Amt zu steigen.

Der peinliche Versuch, eine nationale Identität zu schaffen, ist aussichtslos. Hinter diesem Vorwand steckt nichts als Eitelkeit und Einbildung. Doch das ist King nicht bewusst.

Wer allerdings eine seriöse Biographie erwartet, ist hier falsch. Rankin bietet mit seiner Polit-Groteske einen Einblick in eine Welt, in der Premierminister kuriose Qualifikationen mitbringen. Zeremoniell Bänder zu schneiden, Wildvögel zu rufen und den eigenen Namen in den Schnee zu urinieren (am besten in Schreibschrift) sind nur einige davon. Die Zuschauer*innen können sich auf eine Achterbahn der Ästhetik gefasst machen, die stark an den kanadischen Experimentalfilmguru Guy Maddin erinnert. Trotzdem bleibt Matthew Rankin originell: ejakulierende Kakteen, abgebrochene Hochzeiten auf dem Eis und Erektionsalarme machen diesen Film geistreich und gewöhnungsbedürftig.

Die exzentrische, theatralische Darstellung trifft auf historische und ästhetische Abstraktion. Rankin kombiniert die Formen des frühen Kinos mit skurriler Symbolik. Er lässt das Publikum auf 16mm an seiner grenzenlosen Phantasie teilhaben. Die unerwartete Kreuzung von überspitzter Komödie und historischen Ereignissen funktioniert einwandfrei. Man muss sich nur darauf einlassen.

Die satirische Auseinandersetzung mit Macht schafft einen neuen Raum für Diskussion. Wie geht man mit Macht um? Der Protagonist scheint die Antwort auf diese Frage bedauerlicherweise nicht zu kennen. Wieviel riskiert man, um an die Macht zu kommen? Und erkennt man politischen Despotismus noch, wenn man bis zu den Knien schon im Wasser der Gewaltherrschaft steht?