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Mit GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNYA der mazedonischen Regisseurin Teona Strugar Mitevska eröffnete gestern das 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films. Der Workshop der Kritik ist zusammen ins Kino gegangen und hat danach in der Gruppe diskutiert, analysiert und gestritten. Herausgekommen sind 15 Gedanken und Beobachtungen:

[1] Was wenn Gott eine Frau wäre?
Unantastbar, selbstaufopfernd, missverstanden. Von manchen gehasst und von manchen gepriesen, das ist Gott. Gott existiert und ihr Name ist Petrunya. Sie will nur geliebt, respektiert und akzeptiert werden. Wenn sie ungerecht behandelt wird, lässt sie auch mal ihren gewaltigen Zorn spüren. Eine einfache Frauenfigur wird in GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNYA zum Symbol einer unerschütterlichen Macht.
Barbara Asante

[2] Die Dualität der Petrunya
Was passiert, wenn ein Filmcharakter nur vage eingeführt wird, zeigt sich spätestens in den kontroversen Interpretationen der Zuschauer*innen. Im Fall von Petrunya kommt es stark darauf an, ob man ihrer Selbstbeschreibung als Opfer der Gesellschaft glauben schenkt oder nicht. Tut man dies, zeigt der folgende Film eine sich auflehnende, politisch-religiöse Aktivistin, die auf ungewöhnliche Weise auf die Missstände einer Gesellschaft aufmerksam zu machen versucht. Kauft man Petrunya die Opferrolle und ihre verschmähten Ambitionen nicht ab, darf man in den folgenden 100 Minuten dabei zusehen, wie sie sich am Wirbel um ihre Affekthandlung ergötzt, aus dem Nichts Bedeutung generiert und sich mit fremden Federn schmückt. In dem Fall, wird der Film für das Publikum eine Sinnsuche mit der Sehnsucht nach einer glaubwürdigen und nachvollziehbaren Charakterzeichnung, gespickt von metaphorisch aufgeladenen Bildern.
Janina Pickel

[3] Im Namen des…
Eigentlich will der Priester Petrunya gerne helfen, aber noch eigentlicher will er seine Macht nicht aufgeben. Außerdem kann sie eh nicht verstehen, wie das alles funktioniert. Das kann er zwar auch nicht, aber dafür wird er auch nicht verprügelt. Die Würde des Priesters ist viel Wert an diesem Tag. Leider kann sich der Mann daher nicht aus dem Patriarchat heraus bequemen, muss er aber auch gar nicht, denn am Ende hat alles wieder seine Richtigkeit. Warum versteht er nicht, muss er aber auch gar nicht, er hat ja Macht.
Alice Nagel

[4] Mann-equin
„Now she is happy“, ist Petrunyas Kommentar auf die weibliche Schaufensterpuppe mit einem männlichen Kopf, die neben ihr liegt. Fast spiegelbildlich versucht sie sich gegen die männerdominierte Gesellschaft in ihrem Dorf zu stellen: Ein Kampf auf Augenhöhe mit den männlichen Machthabern um ihr Recht auf Glück. Schade, dass Regisseurin Teona Strugar Mirevska ihre Figur am Ende einer unnötigen romantischen Beziehung aussetzt. Als Einzelkämpferin ist sie stärker.
Sophie Kaupp

[5] Kreuzzug
Aufgebrachte Männer, die sich in der mazedonischen Provinz unter einem vorgeschobenen religiösen Deckmantel zu einer Art Hetzjagd formieren. Dabei bleibt es den Zuschauer*innen überlassen, ob die eigentliche Beute der Männer das vermeintlich zu unrecht entwendete Glück verheißende Kreuz ist, oder die Frau, die es wagt sich über die bestehenden patriarchal geprägten Alltagsstrukturen ihrer Dorfgemeinschaft hinwegzusetzen.
Lara Hanuscheck

[6] Berichterstattungen
Die Reporterin Slavica steht im Gegensatz zu Petrunyas Mutter. Sie ist eine unabhängige Fernsehjournalistin, die sich weder von ihrem Chef noch von ihrem Mann etwas sagen lässt. Im Gegensatz zur Mutter betrachtet sie die Lage als mittelalterlich und steht für eine emanzipierte Frauenrolle ein. Dennoch bleibt der bittere Beigeschmack, dass sie eine Reporterin ist, die ihr Kapital aus Petrunyas Situation schlagen will und Petrunya damit gegen ihren Willen in die Öffentlichkeit drängt. Ob sie mit ihren holprigen Versuchen eines spannenden Berichts wirklich erfolgreich ist, spielt im Film keine Rolle.
Lena Pressler

[7] The unexpected Love Story
Sehr unerwartet findet Petrunya auf der Polizeistation inmitten von Männern, die ihr das gewonnene Kreuz abnehmen wollen einen Verbündeten. Der unbeholfene und gutmütige Polizist Darko wird zu Petrunyas Beschützer. Er rettet sie vor den Angriffen des wütenden Mobs und legt ihr eine wärmende Jacke um, als sie friert. Obwohl diese unexpected Love Story auf charmante Weise ein bisschen mehr Liebe und Hoffnung in Petrunyas trostlose Situation bringt, scheint sie deplatziert. Sie weicht vielmehr die Figur der starken Frau auf, die beharrlich aussitzt, was ihr die dominierenden Männer entgegenbringen. Dadurch fällt auf, dass der Figur der Petrunya ein Need fehlt. Den Zuschauer*innen ist nicht ersichtlich, was sie eigentlich bezwecken will und anscheinend weiß sie es selber nicht. Ob es wirklich eine Love Story ist, die Petrunya oder ihre Geschichte gebraucht haben, ist unwahrscheinlich.
Paula Jungklaus

[8] Das Recht auf Glück
Obwohl Petrunya immer wieder in der männerdominierenden Gesellschaft, und dabei auch von ihrer eigenen Mutter, unterdrückt und klein gehalten wird, findet sie sowohl in ihrer Freundin als auch in der Journalistin Slavica Unterstützerinnen. Ohne diese Konstellation würde Petrunya wahrscheinlich nicht die feministische Heldin sein, als die sie verstanden werden kann.
Vor allem Petrunya und Slavica wirken zusammen wie ein kämpferisches Duo, welches sich aus unterschiedlichen Beweggründen für Gleichberechtigung und das Recht auf Glück einsetzt und  dabei versucht, sich von sexistischen Zuschreibungen freizumachen.
Petrunyas aufkommendes Selbstbewusstsein wäre ohne den Zuspruch der Journalistin Slavica wohl kaum zustande gekommen. Das sich im Laufe des Films immer stärker entwickelnde rebellische Verhalten Petrunyas wirkt sich dabei im Endeffekt sogar positiv auf das Verhältnis mit ihrer Mutter aus.
Zusammen ist man eben doch stärker.
Lea Hirschmann

[9] Zwischen Beichtstuhl und Menschlichkeit
Tiefes Atmen, den Kopf leicht gegen die kalte, spiegelnde Glasscheibe gedrückt. Sie hat niemanden mehr. Petrunya ist allein. Niemand versteht Sie. Niemand hört Ihr zu. Dabei will Sie doch eigentlich sprechen, nur will Sie auch gehört werden. Der einzige, der Ihr wirklich die Chance gibt etwas zu sagen, ist der junge Polizist Darko. So wird unweigerlich eines der katholischsten Bilder des gesamten Films erzeugt: Während Sie spricht, bleibt er auf der anderen Seite der Scheibe stehen. Das Szenario gleicht einem Beichtstuhl. Petrunya öffnet sich. Sie möchte, dass Ihr vergeben wird, nichts ist aus Absicht geschehen und doch ist Sie nun dem Hass des Mobs ausgesetzt. Ihre Worte stoßen bei ihm, anders als bei allen anderen, nicht auf taube Ohren. Im Gegenzug gewährt er Ihr einen Schutz  – ähnlich dem Kirchenasyl, um direkt im nächsten Moment mit dem Ergreifen Ihrer Hand das geistliche Szenario und damit auch ein Tabu zu brechen. Nun hält jedoch zumindest ein Mensch die Hand über Sie, egal ob weltlich oder geistlich.
Christoph Piening

[10] Out of focus
Ihre eigene Mutter bezeichnet Petrunya als hässliche Kuh, doch die zentrierten Großaufnahmen ihrer weichen Gesichtszüge zeigen ihre Schönheit. Ganz im Gegenteil zu der Meute aus Männern. Als die Männer aus dem Wasser steigen, fokussiert sich die Regisseurin nicht auf ihre nackten Oberkörper, sondern zeigt durch verwackelte Kameraeinstellung, abgeschnittene Köpfe und viel headroom, wer in diesem Film wirklich „hässlich“ ist.
Domenico Colucci

[11] I breathe, therefore I matter
Petrunya hat Körper, jede Menge davon, und sie atmet. Hörbar, sichtbar, aufgeladen. Dämmernd zunächst unter der lichtdurchlässigen Wolldecke in ihrem Kinderzimmer. Im Glaskäfig allein mit dem potentiellen Arbeitgeber bloß nicht zu schwer, inmitten der schneidbaren Atmosphäre sexueller Bedrängung. Gierig und wuchtig bebt ihr Oberkörper im Siegesrausch. Später, auf dem Bett mit dem Holzkreuz über der nackten Brust, befreit, tief, zutiefst friedlich. Im Verhörraum wird sie erneut eingekeilt von Männerkörpern, ein Polizist brüllt ihr ungezügelt seine Entrüstung ins Gesicht. Die Anspannung bahnt sich ihren Weg, in tiefem Schnaufen, Petrunyas Nüstern zittern, sie wischt sich nie vergossene Tränen von den Augen. Doch ihr Atem bleibt so entschlossen wie ihr Blick, schwillt an, beruhigt sich wieder, und klagt stumm an: ich bin immer noch hier.
Bilquis Castano

[12] Von Wölfen und Schafen
Kennen Sie die Geschichte mit dem Wolf? Der böse Wolf, das schwarze Schaf, der gute Hirte; gängige Symbole, die der Film zwar aufruft, aber nie wirklich ausdeutet. Petrunya ist ein Schaf, das von Wölfen gejagt wird. Aber sie ist auch ein Wolf inmitten einer Herde wütender, geschorener, dummer Schafe. Welche Geschichte stimmt hier?
Franziska Pohl

[13] Der direkte Blick
Wir sind hier nicht im Fernsehen, bekommt Petrunya mehrfach von den Polizisten zu hören. Doch das Fernsehen, repräsentiert durch eine energische Reporterin und ihren Kameramann, ist nicht weit: Überzeugt, aus der Geschichte um Petrunya und das Kreuz eine große Story machen zu können, wartet das Zweiergespann vor der Polizeiwache. Der Blick der Kamera wechselt dabei immer wieder in den Modus der Berichterstattung, sodass wir als Zuschauer*innen den Blick des Kameramanns teilen. Die Kamera wird auf die Reporterin gerichtet, die sich ein Mal für ein Interview mit Petrunyas Eltern auf die Couch setzt, oder aber sich in einer Horde wütender Männer vor der Polizeiwache befindet, um diesen einen Kommentar zu entlocken. Die Reporterin richtet ihren Blick dabei direkt in die Kamera, so auch wenn sie sich durch das Objektiv mit dem Kameramann unterhält. Der Film scheut ganz allgemein nicht den Bruch der vierten Wand  – meist stumm blickt Petrunya wiederholt direkt in die Kamera.
Verena Scheuerle

[14] Generationskonflikte
GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNYA zeigt die anhaltenden Konflikte zwischen Menschen mit alteingesessenen Traditionen und Menschen, die begonnen haben, diese abzulegen.
Es wird hierbei jedoch nicht nur ein Konflikt zwischen Jung und Alt oder Mann und Frau skizziert: Petrunya gerät in diversen Szenen auch mit ihrer Mutter in Streitereien und wir sehen auf der Gegenseite ältere Menschen wie ihren Vater, die moderne Gedanken zulassen.
Der Film thematisiert die teilweise mittelalterlichen Ansichten, die auch noch heutzutage vielerorts zu Diskriminierungen führen.
Allan Massie

[15] Ein ungutes Gefühl
Kino ist ja immer auch Gefühl, und bei diesem Film beschlich mich lange ein ungutes. Diese Petrunya lässt die Welt scheinbar passieren, lässt Gesellschaft, Familie, Kapitalismus, aber auch sexuelle Gewalt an sich und um sich herum geschehen. Nach einem Drittel des Filmes bereite ich im Kopf eine Frage vor, die beim Publikumsgespräch darauf abzielen soll, wie man solche strukturelle Gewalt eigentlich inszeniert, wie man sie spielt und ob mein Gefühl richtig ist, sofern es so etwas wie richtige Gefühle überhaupt gibt: Ein Gefühl, besser: ein Eindruck, dass die Erzählungen des Kinos die Gewalt der Realität im Film manchmal fortschreiben. Dass es schmerzhaft ist, ihre Wiederholungen auf der großen Leinwand zu sehen. Dass es einem unerträglich wird und dass man sich ärgert. Dass man Kino auf ein Gefühl begrenzt.
Toby Ashraf

 

GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNYA
(GOSPOD POSTOI, IMETO I’ E PETRUNIJA)
Teona Strugar Mitevska
Macedonia, Belgien, Slowenien, Kroatien, Frankreich 2019
100 Min

Der Film eröffnete am Mittwoch, den 11.04.2019, das 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden und wird am Samstag, den 13.04.2019 um 19:00 Uhr im Museum Wiesbaden wiederholt.